Bedeutungsvoll führen

Glücksbringer und Aberglaube. Eine Ärchäologie des Selbstschutzes

In diesem Artikel

Ein alter Schlüsselanhänger, ein Pullover, ein kleiner Stein in der Jackentasche. Viele Menschen tragen Dinge bei sich, die ihnen Sicherheit geben. Nicht, weil sie objektiv wirksam wären, sondern weil sie eine symbolische Funktion erfüllen. Wer darüber lächelt, verkennt ihre Kraft.

Der Wunsch nach Kontrolle

Das Bedürfnis nach Kontrolle ist zutiefst menschlich. Wenn äußere Umstände unvorhersehbar werden, entwickeln wir symbolische Strategien. Wir greifen nach dem, was wir festhalten können, buchstäblich. Diese Handlungen beruhigen, nicht, weil sie logisch sind, sondern weil sie vertraut sind.

Ich erinnere mich, wie ich in einer besonders stressigen Phase meiner Jugend immer denselben Kugelschreiber zur Prüfung mitnahm. Er war weder besonders noch teuer, aber er fühlte sich vertraut an, wie eine stille Verabredung mit mir selbst, dass alles gut wird. Dieses Objekt war mein Anker.

Rituale im Sport

Im Spitzensport ist der Glaube an Zeichen weit verbreitet. Nicht aus Magie, sondern aus Pragmatik. Bei maximalem Druck braucht die Psyche Struktur. Tennisspieler mit ihren exakt wiederholten Bewegungsabfolgen, Fußballer mit ihrem „richtigen“ Fuß beim Betreten des Rasens, Eishockeyspieler, die sich während der Playoffs nicht rasieren, diese Rituale geben Halt.

Alltagsaberglaube, symbolische Selbstberuhigung

Auch im Alltag entwickeln Menschen symbolische Routinen. Die eine Tasse für den Kaffee. Die Reihenfolge beim Anziehen. Der Glückscent im Portemonnaie. Diese Rituale bündeln Aufmerksamkeit, zentrieren den Geist, strukturieren das Unbewusste. Anja, eine Freundin von mir, fährt nie ohne ihren kleinen Stofflöwen im Auto los. Sie weiß, dass der Löwe sie nicht wirklich schützt, und doch, wenn er nicht da ist, fühlt sie sich „nicht ganz vollständig“.

Die unterschätzte Weisheit des Aberglaubens

Aberglaube wird oft als kindlich oder irrational abgetan. Dabei ist er ein uraltes, menschliches Bewältigungsmuster. Was wir heute Aberglaube nennen, war einst kollektives Wissen über Unsicherheit und Risiko. Glücksbringer sind moderne Relikte dieser Praxis, individualisiert, aber wirkungsvoll.

Ein Glücksbringer fühlt sich an, wie eine stille Verabredung mit mir selbst, dass alles gut wird.

Zwischen Symbol und Selbstprogrammierung

Glücksbringer wirken auch dann, wenn man nicht mehr an sie „glaubt“. Ihre bloße Präsenz kann ein inneres Programm auslösen: Zuversicht, Ruhe, Konzentration. Das Symbol wird zum psychologischen Trigger.

Ein ehemaliger Kollege von mir trägt einen Ring seiner Großmutter, seit er sich selbstständig gemacht hat. Er hat mir in einem sehr persönlichen Gespräch erzählt dass er an ihm dreht, wenn er vor schwierigen Entscheidungen steht. Der Ring ist für ihn eine Brücke, zwischen generationsübergreifender Stärke und der eigenen Handlungskraft.

Was das für Sie bedeuten kann

Wenn Sie in belastenden oder unsicheren Situationen auf bestimmte Gegenstände oder Handlungen zurückgreifen, folgen Sie einem tiefen Muster. Sie erschaffen symbolische Inseln der Stabilität. Und das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Suchen Sie in den nächsten Tagen gezielt nach einem Gegenstand, der Ihnen ein Gefühl von Sicherheit gibt. Vielleicht ist es ein Objekt aus der Kindheit, ein Kleidungsstück, ein Ritual. Nehmen Sie es bewusst mit in eine neue, ungewohnte Situation. Beobachten Sie, was sich verändert. Vielleicht ist es kein Glücksbringer, sondern eine Erinnerung daran, dass Sie längst alles in sich tragen, was Sie brauchen.

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Unternehmen und Einzelpersonen sollten ihre Handlungen an Werten ausrichten – diese Werte sind der Kompass, der uns die Richtung weist. Mit klaren Botschaften, die auf dieser Grundlage basieren, gestalten wir nicht nur erfolgreiche Unternehmen, sondern führen auch ein sinnvolles Leben.

Dr. Klaus Kerschensteiner

Semiotiker

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